Würgende Widersprüche

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ wäre Goldfarb (Matthias Klösel) gerne. Aber leicht ist das nicht.

„Ein ganz gewöhnlicher Jude“ im Rahmen von SoR

Vier zehnte Klassen im Publikum, ein fast einstündiger Geschichtsmonolog – und keiner schwätzt! Da muss Besonderes in der Schule passiert sein. Obwohl: Er wollte ja gerade nichts Besonderes sein, der Augsburger Schauspieler Matthias Klösel alias Emanuel Goldfarb, sondern nur „ein ganz gewöhnlicher Jude“.
Im gleichnamigen Solostück (geschrieben 2006 von Charles Lewinsky, Regie: Jürgen Schlachter), dessen Präsentation die SoR („Schule ohne Rassismus / Schule mit Courage“)-Gruppe in die Wege geleitet hatte, heißt es zum Beispiel: „Das Judentum ist keine Religion, es ist ein Unglück!“ Genauso erlebt es Emanuel Goldfarb, ein in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsener Atheist jüdischer Herkunft, in der Jetztzeit. Bloß: Der Spruch stammt von Heinrich Heine und ist fast 200 Jahre alt.
Es ist die politisch-historische „Correctness“, die auf dem Prüfstand steht. Schon die briefliche Bitte eines Sozialkundelehrers an Emanuel Goldfarb, in einer Schulstunde den Achtklässlern zu erklären, was es heutzutage bedeutet, in Deutschland als Jude zu leben, offenbart das ganze – vielleicht unlösbare – Dilemma: „Mit einem herzlichen Schalom“ grüßt der Herr Pädagoge am Ende seines Schreibens – ein bisschen zu übervorsichtig, zu anbiedernd! Und das ist erst der Anfang des Würgens, das Goldfarb fortan die Kehle fast zuschnürt! Beim imaginären Dialog mit dem Lehrer bricht episodenhaft seine ganze Lebensgeschichte aus ihm heraus! Widersprüche über Widersprüche werden dabei offenbar – zwischen eigener Identitätssuche und fremder Betroffenheitsverkrampfung, zwischen damals und heute, zwischen Ironie und Ernst. Und genauso geht es den offensichtlich gebannten Schülern. Hin- und hergerissen zwischen „Was geht uns Antisemitismus heute an?“ und „So etwas darf nie mehr passieren!“ sind sie fast zu gehemmt, um in die anschließend angebotene Fragerunde richtig einzusteigen.
Und Emanuel Goldfarb? Nimmt er die Einladung des Lehrers an? Auf der Bühne bleiben da immer noch Fragen offen. In der Realität auch.

Text und Foto: -cv- / 7.12.2011