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Auf den Spuren der deutsch-französischen Beziehungen

EU Parlament

„Nie wieder Krieg!“ – unter diesem Motto versuchte die deutsche Antikriegsbewegung nach dem Ersten Weltkrieg jedes Jahr, durch alljährliche Massenkundgebungen am ersten August, dem Tag des Kriegsbeginns, das Bewusstsein für die Schrecken solcher bewaffneter Auseinandersetzungen wachzuhalten und die Menschen für die Durchsetzung einer dauerhaften Friedenspolitik zu aktivieren. Dass dieses Ziel nicht immer von Erfolg gekrönt war, zeigt nicht zuletzt der aktuelle Krieg in der Ukraine; umso wichtiger erschien es Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe des Gymnasiums Burgkunstadt und ihren begleitenden Lehrkräften, sich im Elsass mit den fürchterlichen Folgen der beiden Weltkriege und des schwierigen Verhältnisses zwischen Deutschen und Franzosen auseinanderzusetzen.

Ziel der fünftägigen Exkursion war Niederbronn-les-Bains, wo die Gruppe in der Internationalen Jugendbegegnungs- und Bildungsstätte Albert Schweitzer untergebracht war. In direkter Nachbarschaft liegt die dortige Kriegsgräberstätte, auf der fast 16.000 Kriegstote aus dem Zweiten Weltkrieg bestattet sind. Auch wenn es dem einen oder der anderen etwas mulmig zumute gewesen sein mag, vom Fenster des eigenen Zimmers direkt auf einen so großen Friedhof zu blicken, waren die Schülerinnen und Schüler sehr aufmerksam und interessiert, als sie diesen unter der kompetenten Führung der örtlichen Mitarbeiter besichtigten und sich über das Schicksal der – z. T. selbst noch jugendlichen – Begrabenen informieren ließen.

Einen noch tieferen Einblick gewannen sie, als sie sich in Kleingruppen bei der Arbeit an ausgewählten Quellen mit den Schicksalen der Verstorbenen beschäftigten und die persönlichen Dimensionen der Folgen des Zweiten Weltkriegs erforschten. Auch dabei wurden sie von den lokalen Fachkräften der Kriegsgräberstätte unterstützt und angeleitet; diese wird finanziert von dem Volksbund Deutsche Kriegsgräber e.V., welcher sich dankenswerterweise im Landesverband Bayern – neben der Sparkasse Coburg-Lichtenfels, dem Förderverein des Gymnasiums Burgkunstadt und der Stiftung Gedenken und Frieden auch an der Finanzierung der Fahrt beteiligt hat.

Ein weiteres Ziel der Reise war Straßburg, das wie kaum eine andere Stadt das wechselvolle Schicksal des Elsass und das schwierige Verhältnis von Deutschen und Franzosen repräsentiert. Neben einer Besichtigung des Europaparlaments und des weltberühmten Straßburger Münsters durfte selbstverständlich auch ein Einblick in die elsässische Lebensart nicht zu kurz kommen. Beim Flatrate-Flammkuchen-Essen wurden den Jugendlichen, die am Gymnasium alle Französisch lernen, die verschiedensten Varianten der elsässischen Spezialität serviert, bis auch der letzte satt war – was durchaus eine Weile dauerte. Anschließend besichtigte man bei brütend heißen Temperaturen Straßburg auf die bequeme Art, nämlich per Boot, und schaute sich die abendliche Light-Show am Straßburger Münster an, welche ausnahmslos alle Beteiligten beeindruckte.

Bild Wanderung Mädels

Zum vielfältigen Programm gehörte auch eine Vier-Burgen-Wanderung im Norden des Elsass. Dort genossen die Schülerinnen und Schüler nicht nur die bemerkenswerte Aussicht, welche den Aufstieg v. a. zur Hohenburg belohnte, und die beachtliche Anlage der Burg Fleckenstein; sie machten sich auch einen Spaß daraus, direkt an der Grenze mit einem Bein in Deutschland und dem anderen in Frankreich zu stehen, und so symbolisch deutlich zu machen, wie viel sich im Verhältnis der beiden Länder durch das Zusammenwachsen Europas verändert und vereinfacht hat.

Die folgende Besichtigung des Four à Chaux bei Lembach, eines Artilleriewerks der französischen Maginot-Linie, gehörte sicherlich zu den beeindruckendsten Erfahrungen der Jugendlichen im Elsass. Neben dem Bauwerk an sich und den noch vorhandenen Geschützen prägte sich während der Führung besonders ein, wie das Leben der in den unterirdischen Katakomben stationierten Soldaten organisiert worden war, um die Verteidigungsfähigkeit des Festungswerks sicherzustellen. Das Wissen um die Erfolglosigkeit der französischen Bemühungen, sich mithilfe einer derartigen Anlage gegen einen deutschen Angriff zu verteidigen, vertiefte den Eindruck, welchen diese auf die Reisenden machte.

Am Ende der ereignisreichen Woche konnten die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums nicht nur feststellen, dass sie miteinander eine Menge Spaß gehabt hatten, sondern auch viele Erfahrungen mit nach Hause nehmen, welche ihr Verständnis für die europäische Einigung sowie das französische Nachbarland und ihr Verhältnis zum Krieg entscheidend prägen dürften.

Dau

Chambre d’amis – Wenn aus Gästen Freunde werden

Schüleraustausch mit dem Lycée Jean Macé in Lanester/Bretagne

Es brauchte einen langen Atem bis nach coronabedingter Wartezeit doch noch der ersehnte Auslandsaufenthalt in Deutschland möglich war für Hélène Lanoisellé. Die Planungen dafür starteten bereits im Herbst 2019. Über ein Jahr lang hielten Hélène und ihre beiden Austauschpartnerinnen Giulia Caruso und Marie Zapfe Kontakt und ergriffen dann kurz nach Beginn des Schuljahres 2021/22 nochmals die Initiative. Innerhalb kürzester Zeit wurde dann vereinbart die Chance vor der „vierten Welle“ zu nutzen. Schließlich kam Hélène im Oktober/November für vier Wochen ans Gymnasium Burgkunstadt, um ihre bereits sehr soliden Deutschkentnisse weiter zu verfeinern. Herzlich aufgenommen wurde sie von den Familien Caruso und Zapfe, denen dafür großer Dank gilt. Im Gegenzug reisten Giulia und Marie aus der 10c im Dezember zu Familie Lanoisellé in die Bretagne, wo sie die Gelegenheit hatten, das Lycée Jean Macé zu besuchen und in die französische Sprache einzutauchen.

Dank der insgesamt sieben gemeinsamen Wochen, die die drei Schülerinnen in Deutschland und Frankreich zusammen verbrachten entstand ein für alle Seiten bereichernder Kontakt. Bemerkenswert erscheint mir dabei, dass wir Deutschen etwas trocken vom Gästezimmer sprechen, wohingegen die Franzosen diesen Raum la chambre d’amis – das Freundezimmer nennen. Klingt das nicht nach einer Einladung zu weiteren Besuchen? Wann diese möglich sein werden, steht leider noch nicht fest, doch ich hoffe sehr, dass in den nächsten Jahren immer wieder einzelne SchülerInnen die Chance ergreifen das jeweilige Nachbarland zu erleben.

StRin Anne Höh

Doch zunächst ein kurzer Einblick in die Erlebnisse von Marie und Giulia, der das Schöne betont ohne das zu verschweigen, was herausfordernd für die beiden war:


So schön wie man sich einen sonnigen Schüleraustausch in der Bretagne vorstellt, hat dieser auch anstrengende Seiten. Die Schule beginnt frühs um 8 Uhr und endet  Abends um 18 Uhr. Wenn man sich diesen Schultag schon vorstellt, vergeht einem das Lachen…Viele Schüler wohnen im Internat, aber manche Schüler müssen auch einen langen Schulweg auf sich nehmen, sodass auch wir um 6 Uhr Aufstehen mussten und um 19:30 erst nach Hause gekommen sind.
Am Abend aßen wir noch eine Stunde gemeinsam mit den Eltern und unterhielten uns über den Tag und die Geschehnisse und dann fielen wir auch schon um 21 Uhr müde ins Bett. Jedoch hat so ein langer Schultag selbstverständlich auch schöne Seiten, denn man sieht den ganzen Tag seine Freunde und kann herumalbern
An den Wochenenden haben wir jedoch viele schöne Dinge erlebt, ob es ein Spaziergang am Strand war oder eine Runde Bowling war, es hat alles sehr viel Spaß gemacht und so schätzt man die Aktivitäten auch viel mehr wert.
Eine bekannte Attraktion war die bekannte Kirche Saint Michel in der Normandie. Die imposante Kirche, welche mitten im Meer mit einer kleinen Altstadt gebaut wurde, kann nur mit dem Bus über eine kleine Straße erreicht werden.

CarusoZapfe 2  CarusoZapfe 3

Fremdwörter waren für uns  „Vorspeise, Hauptspeise und Dessert“, denn die Franzosen legen sehr wert auf gutes Essen, weshalb wir sogar Mittags in der Kantine ein richtiges Gängemenü bekamen.
Wir wollen uns noch einmal herzlichst bei Frau Höh bedanken, dass sie uns solch eine Erfahrung und einen kleinen Einblick in das französische Schulsystem ermöglicht hat!

Marie Zapfe, Giulia Caruso

Chasse-Spleen culinaire – Kochen gegen den Verdruss

Chasse-Spleen – was verbirgt sich denn bitte schön hinter diesem Begriff? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man einen kleinen Ausflug in die französische Literaturwissenschaft machen.

Als Spleen wird nämlich dort nicht etwa der kleine Tick oder die notorische Marotte einer Person bezeichnet. Der Begriff Spleen ist vielmehr ein Schlüsselbegriff der Fleurs du Mal, Charles Baudelaires berühmt-berüchtigtem Gedichtband aus dem Jahr 1857. In seinem lyrischen Hauptwerk beschreibt der Dichter die seelischen Befindlichkeiten des modernen Menschen, dessen Gefühlswelt oft zwischen Schwermut, Langeweile und einem schwer zu definierenden Unbehagen hin und her schwankt. Nun sind diese Gedichte mehr als 160 Jahre alt, aber ihr Inhalt erscheint heute nicht weniger aktuell als im 19. Jahrhundert. Empfinden wir in Zeiten von Corona-Pandemie, Lockdown, Homeschooling und Social Distancing bisweilen nicht ähnlich? Leiden wir gegenwärtig nicht auch unter einer gewissen Entfremdung, einem melancholischen Blues, einem vielschichtigen Verdruss der Neuzeit?

Beantworten wir diese Frage mit einem „Ja“, dann liegt es wohl auch in unserer menschlichen Natur, ein Gegenmittel gegen solch ein Unwohlsein zu finden. Wir fragen uns, was kann man tun, um dem Spleen, dem Blues zu entkommen?

Hier kommt nun der zweite Teil unseres besonderen Begriffes aus der Überschrift ins Spiel. Das Verb chasser bedeutet im Französischen nämlich (ver-)jagen, und so erschließt sich allmählich der Sinn des Wortes Chasse-Spleen. Es steht für Mittel und Wege, der Tristesse unseres Alltags entfliehen zu können, für eine Art von Eskapismus in Räume, in denen wir wieder Gemeinsamkeit, Zusammengehörigkeit, Sinnlichkeit, Freude empfinden können – wo wir also wieder zum sozialen, lebenbejahenden Wesen „Mensch“ werden.

Ein rührendes Beispiel für dieses Phänomen entstand mitten aus dem Distanzunterricht heraus, wo SchülerInnen der Klassen 8a und 8b aus einem eigentlich nur am Rande erwähnten und fakultativ formulierten Arbeitsauftrag, nämlich sich auf die Suche nach französischen Rezepten zu machen und diese eventuell zu Hause nachzukochen, ein wunderbar produktives, erfrischendes und zugleich interkulturell wertvolles Projekt auf die Beine stellten. Viel mehr SchülerInnen als erwartet recherchierten in der Faschingswoche nach typisch französischen Spezialitäten aus verschiedensten Regionen, übersetzten Originalrezepte, schrieben Einkaufslisten, belagerten die heimische Küche, kochten, schmorten, buken, brieten, brutzelten zahlreiche französische Leckereien … und bescherten schließlich ihren Familien und sich selbst konviviale Momente des Genusses und der Freude. Wie schön, dass Fremdsprachenunterricht im digitalen Homeschooling auch solche wunderbar analogen Ergebnisse hervorzubringen vermag. Prädikat: „Pädagogisch, kulinarisch und menschlich besonders wertvoll“!

Zum Nachbacken (und etwas Französisch Lernen): Rezept für eine "tarte aux pommes" (Apfeltörtchen)

PS: Chasse-Spleen ist übrigens auch der Name eines exquisiten französischen Weingutes im Bordelais. Warum dieses Château, die Heimat großer Médoc-Weine, wohl genau diesen Namen trägt? Die Antwort liegt jetzt wohl auf der Hand …

OStRin Michaela Kraus
Fachleiterin Französisch